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Das Kunstproblem

Ich war im Museum und habe mich geärgert.

Auf dem Programm stand Andreas Gursky, dessen Metier grossformatige, bearbeitete Fotografien sind. In Basel zu sehen war also beispielsweise ein Riesenfoto vom Flughafen Frankfurt, welches die Ankunfts-/Abflugstafel zeigte, überdimensioniert, natürlich, also gephotoshopped, so dass die Flugbewegungen fast des ganzen Tages abgebildet wurde. Ein anderes Müsterchen: Eine Luftaufnahme vom Engadiner Skimarathon wird von Gursky so lange bearbeitet, bis es rund um die Langläufer herum nur noch eine weisse, glatte, unberührte Schneefläche hat und es werden einzelne Sportler herausgelöscht, bis der Tross eine bestimmte Form erreicht. (So meine Interpretation.)

Gursky fokussiere sich auf Orte, an denen sich die Menschen konzentrieren, auf Brennpunkte der Globalisierung und erzeuge durch die selbst gemachte Anordnung der Motive selbst wieder Strukturen, so in etwa die Erklärungen auf dem Faltblatt des Kunstmuseums Basel. Für mich als Soziologiestudentin war die Erklärung, er wolle nicht die Realität abbilden, sondern eine Konstruktion der Wirklichkeit bieten, nichts besonders Neues, aber ich freute mich darauf, dieses Prinzip in Bildern umgesetzt zu sehen.

Ich zog durch die Räume und liess die Werke auf mich wirken. Und plötzlich überkam mich der Ärger: Was will der überhaupt? Was ist daran eigentlich speziell? Was ist daran „Kunst“, ausser dem akkurat angewendeten Handwerk der Bildbearbeitung? Was haben diese Werke mit den Erklärungen im Prospekt zu tun? Wo bleibt die Aussage? Muss Kunst überhaupt etwas aussagen? Was will Kunst eigentlich vom Betrachter? Und letztlich kam ich an einen Punkt, an dem ich mich selber hinterfragte: Was will ich eigentlich von der Kunst?

Da ich Gursky sowieso nicht mehr richtig geniessen konnte, begann ich mir diese Frage zu überlegen: Wieso gehe ich überhaupt ins Museum? Ich kam auf zwei Antworten: Die eine impliziert Kunst als sinnliches, die andere Kunst als intellektuelles Erlebnis.

Ersterer ist, so glaube ich, der einfachere Weg, derjenige, den ich bei Gursky wohl mangels Information hätte gehen sollen. Augen auf, und eintauchen in Kompositionen und nicht zu viel überlegen, sondern zu geniessen versuchen. Dazu vielleicht noch ein passender Soundtrack, so wie es der junge Mann tat, den ich in der Neuen Nationalgalerie in Berlin beobachtete: Er schien entrückt von der Kombination von Dalì und Sigur Ròs. (Seither gehe ich viel öfter allein an Ausstellungen und setze mir dazu die Kopfhörer auf.) Klar, auch das sinnliche Erleben will gelernt sein, aber ich denke, den Zugang dazu hat man intuitiv.

Aber eben: Irgendwann kommt bei mir immer der Punkt, an dem ich ungeduldig und unzufrieden werde. Ästhetik allein, reicht das wirklich? Muss nicht mehr dahinter stecken? Und seien es nur bestimmte Techniken oder Ansätze, wie die Produktion von Kunst angegangen wird, es muss ja nicht gleich eine gesellschaftskritische Aussage sein. Wenn man diese Hintergründe kennt, beginnt wohl der intellektuelle Genuss. Diesen muss man sich aber hart erarbeiten und kann nicht mehr so einfach ins Museum latschen. Das heisst: intensive Vorbereitung oder Leute erklären lassen, die mehr wissen.

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eine kleine Geschichte aus meinem WG-Leben

Hört her, denn ich habe wieder Mitbewohnerinnen-News.

Sie mag neurotisch sein, und ich weiss jetzt wieso: Es muss an einem Mutterkomplex liegen. Aber von vorne.

Vor ein paar Tagen sagte sie zu mir und sie schämte sich, das konnte ich sehen: "Ich muss dir noch was sagen...also, nicht dass du falsch verstehst, das ist nicht meine Meinung, meine Mutter will das so..."

Hier sei mir ein kleiner Unterbruch erlaubt. Wir wohnen zu zweit. Sie ist zwei, drei Jährchen jünger als ich, lebt aber auch schon seit fünf Semestern nicht mehr zuhause. Aber Mamans Einfluss ist offenbar immer noch enorm.

"Sie möchte nicht, dass dein Freund hier übernachtet", sagte sie zu mir, und ich dachte mir bleibt die Luft weg, "aber mir ist es egal, ehrlich. Es wäre vielleicht einfach gut, wenn er nicht da ist, wenn sie vorbeikommt."

Sie kommt vorbei? Höre ich recht? Fährt sie dann mit dem Zeigefinger über Tablare, sucht im Kühlschrank nach verdorbenen Waren und überprüft den Inhalt des Nachttischs?

"Mais...elle vient souvent? Elle vient LE WEEKEND?!?", mir dämmerte, wass diese Aussage für mich heissen könnte. Keine Besuche des MBW mehr (der für Maman offenbar von der Gefährlichkeit eines Kindermörders, Bankräubers oder Frauenbelästigers zu sein scheint), ohne ständig damit rechnen zu müssen, dass plötzlich die Wohnungstür auffliegt: "Coucou!"

Doch meine Coloc vermochte mich zu beruhigen: "Nein, nein, sie kommt nur, wenn ich auch da bin. Das nächste Mal am Donnerstag."

Gut, dass ich das weiss. So konnte ich mich darauf vorbereiten, mindestens bis acht Uhr abends in der Biblio zu bleiben und zu arbeiten. Dieser Dame möchte ich nämlich auf keinen Fall über den Weg laufen und "Enchantée, Madame" heucheln müssen.
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schlechter Tag

Begann alles schon damit, dass ich mich im Spiegel betrachtete und aussah wie Robert Smith. Bloss ohne die blutroten Lippen. Trauriger Anblick, anyway. Wär vielleicht doch besser liegen geblieben, doch dann hätt ich die Vorlesung über allgemeine Wirtschaftsgeschichte verpasst, was ein grosser Verlust gewesen wäre, wäre mir doch die grossartigen Erkenntnis entgangen, dass im Europa des 16. Jahrhunderts Wirtschafts- mit Bevölkerungswachstum einherging. Das war im Grossen und Ganzen alles, was mir diese zwei Stunden brachten. Dann Kaffeepause. Der Automat lieferte nur Dreck, ein Wunder macht mein Magen das mit. Dass es in der Mensa ganz vorzüglichen Bohnenkaffee gibt, in Espressogrösse für zwei Franken, merkte ich erst zu spät. Anschliessend häuften sich die Hiobsbotschaften. Es gibt Sprachkurse hier und Tandems, doch ausgerechnet in meinen Unterlagen waren keine Anmeldeformulare dabei. Hätte die heutige Informationssitzung dazu glatt verpasst, wenn mich nicht per Zufall jemand drauf angesprochen hätte. Google-Mail geht nicht, Mails checken entfällt. Missverständnisse bei der Studienberatung (E-Mails werden prinzipiell nicht beantwortet, man muss anrufen, selbstverständlich gibt es nur ein winziges Zeitfenster), Missverständnisse bei der Vorlesungsanmeldung. Die Nase voll von der Seminararbeit, die ich schreibe, und ausserdem ein ganz schlechtes Gefühl. Allgemeines Unwohlsein in der Bibliothek, da keine frische Luft, latent vorhandene Geräuschkulisse und eklige Tastaturen. Allgemeines Unwohlsein in der WG, da die Mitbewohnerin noch neurotischer ist als ich annahm (Stichwort: Aufräumfimmel, Putzfimmel, Trampeltier). Abgesplitterter Nagellack, Bauchweh, heisse Füsse, schlechte Laune.

Und dabei ist doch erst Mittag...
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Tat des Tages

Man hörte sie schon von Weitem, die Sirene eines Krankenwagens, welche vom nahem Spital her kommend nicht selten an der Uni vorbeifahren. Die Ampel am Fussgängerstreifen würde nächstens auf grün schalten und ich ahnte, dass das Gehör der am Stock gehenden Oma, die neben mir auf das Zeichen zum Überqueren der Strasse wartete, die Sirene vielleicht ausblenden könnte. Diese wurde mittlerweile zwar stetig lauter, doch als die Lichter auf orange wechselten, machte ich mich trotzdem bereit. Es ist ja nicht der Sinn der Krankenwagen bei ihren Rettungsversuchen alte Damen umzufahren. Nun sah man schon das Blaulicht heranblinken, und während das Ampelmenschlein grün wurde, setzte die Oma zum Gehen an.

Ein Sprung, ein "Vorsicht!", ein verwirrter Blick aus achtzigjährigen Augen. "Danke!", flüsterte die Dame und ich war froh, hatte ich aufgepasst.

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schwarze (Block und eine Herde) Schafe

Dass sie mich emotional mitnimmt, liebe und hasse ich an der Politik. Für etwas zu kämpfen, fühlt sich gut an, vor allem wenn man etwas erreicht. Scheitern ist bitter, zerbricht einen aber nicht. Ignoranz ist es, die einen fertig macht.

Ich war da, in Bern, als sich gestern so einiges abspielte. Ich feierte auf dem Münsterplatz die gute Sache auf friedliche Art und Weise. Ich kriegte zusammen mit Tausenden anderen Unschuldigen Tränengas ab, als die Polizei in einer Nebengasse welches einsetzte. Obwohl ich nichts getan hatte. Unsere Veranstaltung wurde auch nicht aufgelöst, wie das inkompetente 20minuten meldete. Man sehe sich die Videos auf deren Website an: Das sind doch niemals im Leben 100 Schwarzblöckler auf dem Bundesplatz! Und es waren auch niemals 10'000 SVP-Anhänger, die am Bärengraben ihrem Obersten huldigten. Wo hätte diese Herde denn Platz finden sollen? Auf dem Münsterplatz hatte es vielleicht 2000 Leute und davon soll ein Viertel in die Gassen der Altstadt abgewandert sein, wo sie sich der Polizei und der SVP in den Weg stellten? Also bitte. Woher kommen diese Zahlen eigentlich? Wieso übernehmen alle Medien diesen Stuss derart undifferenziert?

Medien berichten, wie es ihre Logik ist, über das Aufsehen Erregende. Auch interessant zu lesen aber wäre: Da gab es Faschos, die uns bedrohten, da waren Menschen, die friedlich demofeierten, die gegen eine höchst fragwürdige Partei, ihre höchst fragwürdige Politik und deren Anhänger protestierten. Friedlich, verdammt. Natürlich waren da auch Chaoten, darunter teilweise noch nicht mal stimmberechtigte Kinder, die nur da waren, um Scheisse zu bauen. Aber auch das überrascht keinen. Dass es gewaltsame Ausschreitungen geben würde, auch wenn es keine Rechtfertigung dafür gibt, war abzusehen. Es ist kurzsichtig von der SVP, zu erwarten, im derzeit eh schon enorm aufgeheizten politischen Klima einen Marsch auf Bern durchführen zu können, ohne dass sich der politische Gegner gegen diese Vereinnahmung wehrt, wie wir das getan haben. Die Gewalt übte eine Minderheit aus und das ohne die Unterstützung der Mehrheit.

Das ist die Ignoranz, die mich fertig macht.

Verständlich, dass sich die Menschen auf dem Bundesplatz fürchteten, als der Schwarze Block alles kurz und klein schlug. Meine Angst aber stellt sich täglich ein. Es ist beklemmend, die Zeitung aufzuschlagen, die rassistischen Plakate in den Strassen zu sehen oder des B-Bundesrats blecherne Stimme aus Lautsprechern klirren zu hören. Täglich fürchte ich mich, und zwar nicht vor einer militanten Mini-Minderheit, sondern vor der Politik einer Bundesratspartei.

Und wer sitzt am Ende wohl am längeren Hebel: der Schwarze Block oder die grösste Partei der Schweiz?
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Podium - ein augenöffnendes Schauspiel in drei Akten

Geplant war für diesen Abend eigentlich süsses Nichtstun zuhause. Doch als Kollege Bauer anrief und mir von seiner Teilnahme an einem Podiumsgespräch erzählte, war ich sofort Feuer und Flamme. Bauer ist der linke (und junge) Underdog in einer Meute von Bürgerlichen und ihr gemeinsames Ziel ist: ein Ständeratssitz. Ich kam nicht umhin, hinzugehen und ihn mit Rat, Tat und einem roten T-Shirt zu unterstützen.

Die Akteure des Abends:
  • der kleine Prinz: in der Rolle des Moderators.
  • Knecht K.: bisheriger Ständerat und Angehöriger einer relativ jungen Bundesratspartei.
  • Dressler: Parteifreund von Rick.
  • Rick: bisherig und professionell.
  • Schlachter: liberal-spritziger Quereinsteiger mit rot reflektierender Brille. Was das wohl bedeuten mag?
  • Kollege Bauer: jung, links und die einzige Alternative im Ständeratskarussell.
  • das Publikum: durchsetzt mit den drei Bauer-Sympathisanten Luc, Etienne und meiner Wenigkeit, die eifrig tosenden Beifall und moralische Unterstützung spendeten.

1. Akt - Disput

der kleine Prinz:
eröffnet den Abend, begrüsst das Publikum und erläutert das Vorgehen. "Zuerst wird jeder Kandidat ein Pläduaieh halten und ich werde jedem Einzelnen eine heisse Frage stellen, hä hä."

Rick:
ist als Bisheriger als Erster dran. Schon beim Betreten des Saals hatte er sich professionell jedem einzelnen potentiellen Wähler separat vorgestellt und dabei seinen wohlkonditionierten Augenkontakt eingesetzt. Auch sein Auftreten zeigt: Da wurde Geld ins Erscheinungsbild investiert. Das graue Haar korrekt gescheitelt, den Teint sanft, aber effektiv mit Make-Up getönt. Er spricht von Freiheit und Eigenverantwortung und man fragt sich, zu welcher Partei der Mann überhaupt gehört. Nicht zur selbstbetitelt liberalen jedenfalls, auch wenn man anders vermuten könnte. Kernargumentation von Rick: "Wählt mich, denn ihr habt mich ja schon mal gewählt." Logisch.

Knecht K.:
war anscheinend länger in der Südsee oder im Solarium. Er konzentriert sich auf das Thema Sicherheit. Lustig eigentlich, denn später setzt er sich ein für: AKWs, Schusswaffen in der guten Stube und Offroader auf der Strasse. Klingt wirklich alles sehr sicherheitsförderlich. Zu Erheiterung führt sein Votum: "Der Wehrmann identifiziert sich mit seiner Waffe! Die darf man ihm nicht einfach wegnehmen!"

Dressler: betritt als erster Neukandidat die Bühne. Noch vermag er zu beeindrucken mit seiner Aussage "Ich möchte die Schweiz und die Umwelt so wie sie sind an die kommende Generation weiter geben." Noch hat sich aber nicht herausgestellt, dass er mit einem Volvo-Offroader durch die halbe Schweiz fährt, weil es so zwei Stunden schneller geht. Neben der Umwelt interessiert ihn aber auch noch der Fussball. So viel zu seinem politischen Programm.

der kleine Prinz: schaltet sich immer wieder ein und stellt seine Fragen. Als Dressler zögert, meint er: "Das sind absichtlich ein bisschen provozierende Fragen, hä hä..." Na so eine Überraschung.

Schlachter: ist als nächster dran. Als politischer Neuling hat er viel zu erzählen, vor allem über sich selbst. Weniger über Inhalte. Und weiter geht's.

Kollege Bauer: "Herr Rick hat es zuvor in seiner Einstiegsrede erwähnt: Um in Bern Erfolg zu haben, braucht man Zeit. Und ich bin der Ansicht, dass ich in dieser Runde am meisten davon habe." Schon diese wenigen Worte qualifizieren Bauer für eine ganz andere Liga, die Liga der Politiker, die Inhalt und Witz vereinen können und noch dazu mit Frische glänzen. Er spricht von Visionen und man weiss, er hat sie.

der kleine Prinz: leitet über in die Diskussionsrunde.

Die Kandidaten reihen sich an Stehtischen auf. Das Thema Umwelt wird thematisiert und das Publikum fragt sich: Wo liegt der Unterschied zwischen den bürgerlichen Kandidaten, die aus drei Parteien stammen? Alle rühmen sich des Besitzes eines Smarts oder Generalabos und betonen, wie umweltfreundlich ihre Häuser ausgestattet sind. Alle haben keine Lösung für das Klimaproblem, ausser: "Atomstrom einsetzen." Sehr umweltfreundlich. Erst als Kollege Bauer das Wort ergreift, werden Lösungen präsentiert, und nicht bloss Ausflüchte. Nutzung alternativer Energien. Ansetzen beim Verbraucher. Die 2000-Watt-Gesellschaft.

Knecht K., Rick, Dressler und Schlachter: greifen den Gegner kollektiv an. Die Argumente reichen von "Sollen wir denn den Saal mit Kerzen beleuchten?" (Dressler) bis zu "Sie sind naiv." (Rick) Bauer gerät in Bedrängnis, aber kann sich aus der Situation retten.

Die Diskussion schweift unter der Leitung des kleinen Prinzen zum Thema Steuern ab, welches einleuchtenderweise weniger leidenschaftlich diskutiert wird und das Publikum auch eher kalt lässt.

Vorhang.


2. Akt - Apéro

das Publikum: strömt in den Vorraum und versorgt sich mit Orangensaft und Weisswein. Die Kandidaten schliessen sich an und bald wird im Stehen weiter debattiert. Rick hat gemerkt, dass Bauers Entourage keine potentiellen Wähler sind und wendet gottlob seine "Look into my eyes, look into my eyes, the eyes, the eyes, not around the eyes, don't look around the eyes, look into my eyes..."-Taktik nicht mehr an, um unsere Meinung zu beeinflussen. Schlachter gibt seine Sympathien zu erkennen und endlich macht das rote Blitzen seiner Brille Sinn. Als wir ihn auf ein konkretes Problem ansprechen, weiss er aber weder ein noch aus und rettet sich mit "Meine Frau möchte nach Hause..." Dressler und Knecht K. halten sich sehr zurück und verlassen die Location früh. Vielleicht rechnen sie sich keine Chancen aus, vielleicht aber auch mit ihrer sicheren Wiederwahl.

Als es keinen Weisswein mehr gibt, entschliesst sich auch Bauers Entourage zu gehen.

Vorhang.


3. Akt - Epilog

Noch die ganze Nacht beherrscht der triumphale Auftritt Bauers die Gespräche. Immer wieder freut sich das Quartett ob der Souveränität des jungen Kandidaten und darüber, wie offenkundig unwählbar die Kontrahenten für breite Bevölkerungsschichten sind. Und man überlegt sich, was wäre wenn, und wie es wäre, wenn...

Am nächsten Morgen brummt mir vom billigen Weisswein der Kopf. Doch ein Gedanke formiert sich ganz klar. Egal, ob das Wahrscheinliche eintritt und Bauer einige Stimmen und einen Achtungserfolg verbuchen kann oder ob er, wie geil wäre das denn?, in den Ständerat einziehen wird, egal, was passiert: Ich weiss jetzt, was ich will.

Doch dazu ein anderes Mal.
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Al-Qaida-Methoden, oder: Die beunruhigende Geschichte des Hotelgasts Frau H.

"Sind Sie eine moderne Hexe?", fragte Frau H., die eben eingecheckt hatte, meine 80jährige Oma, die ihren Ohren kaum traute und nach Luft schnappte. Auch ich, zum Zeitpunkt der Frage gut verborgen, aber in Hörweite, war einigermassen erstaunt über die dreiste Frage, konnte mir aber ein Schmunzeln nicht verkneifen. Der Wortwechsel, der folgte, war geprägt von Unverständnis von Seiten meiner Grossmutter und von weiteren mysteriösen Aussagen und Fragen von Frau H. Als sie die Gaststube endlich verliess, machten wir uns noch ein wenig lustig und meine Arbeitskollegin sorgte sich, weil sie der Frau überhaupt ein Zimmer gegeben hatte.

Kurz darauf begleitete ich Frau H. in eben dieses: Zimmer 20 liegt im obersten Stock und so half ich dem Gast mit ihrem Gepäck. Plötzlich blieb sie zurück - ausser Atem? Mitnichten. Frau H. holte schnell wieder auf und befand, während sie mir eine Holzmaske entgegenstreckte: "Das muss weg." Mein Gesicht muss wohl ein einziges Fragezeichen gewesen sein. "Es gibt Leute, die Humbug damit treiben." Ich nahm die Maske und versteckte sie.

Seltsame Vorkommnisse reihten sich an diesem Nachmittag aneinander. Frau H., die einen Tee bestellte, zwei Schlucke nippte, dann davon lief. Frau H., die durchs Dorf streifte. Frau H., die einem nie in die Augen sah.

Kurz nach Beginn der Abendschicht kam Frau H. ins Restaurant und wandte sich mit gesenktem Blick an den Chef, senkte auch ihre Stimme und flüsterte ihm zu: "Ich muss mit der Polizei sprechen." Er, vorbildlicher Gastgeber, holte das Telefonbuch heraus und suchte die entsprechende Nummer, während Frau H. sich schon wieder abwandte: "Ich muss schnell ins Zimmer..." Als die Verbindung zum Polizeiposten zustande kam, musste die Dame also zuerst noch aus ihrer Kammer geholt werden. Und dann folgte endlich der Dialog, welchen das gesamte Personal mit gespielter Unbeteiligtheit, aber gespitzen Ohren mitverfolgte.

"Grüezi, hier spricht Frau H. Ich habe Kenntnis davon, dass heute Nacht eine Morphium-Übergabe stattfindet. Die arbeiten mit Al-Qaida-Methoden, einer Verbindung aus Drogen und psychischer Beeinflussung. Ich muss hier weg, ich fühle mich nicht mehr sicher."

Eine Mischung aus Grauen und Gelächter blieb in meinem Hals stecken. Die Bemerkung bezüglich der Maske machte plötzlich Sinn: Eine perfekte Möglichkeit, um einem verwirrten Menschen noch mehr Angst einzujagen.

Frau H. bezahlte ihr Nachtessen und das Hotelzimmer mit der Bemerkung "Vielleicht komme ich ja heute Nacht schon wieder hier zurück". Noch selten habe ich eine Aussage mehr bezweifelt als diese. Als sie das Restaurant verliess, rief sie über ihre Schulter "Nehmen Sie keine Drogen!".

Wir mutmassten später noch darüber, was nun wohl mit Frau H. geschehen würde, ob sie irgendwo ab- oder eingeliefert würde, ob sie nach Hause gefahren oder einfach die Nacht bei der Polizei verbringen würde.

Am nächsten Morgen stand sie jedenfalls schon wieder auf der Matte, trank einen Cappuccino, ass ein Croissant, entschuldigte sich bei mir für das "Cabaret", das ihretwegen entstanden sei und gab ein grosszügiges Trinkgeld.

Und ich weiss nicht, was ich beunruhigender fände: Dass eine Frau, die offensichtlich sehr durcheinander ist, schon 12 Stunden später wieder unbeausichtigt auf freiem Fuss ist oder dass die Frau vielleicht gar nicht so verwirrt war, wie wir annahmen...
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Begegnung im Sperrgebiet

Mit dem Freund meiner Mitbewohnerin habe ich bisher erst unbedeutenden Small-Talk sowie ein Streitgespräch geführt. Die nächste Stufe haben wir nun erklommen: Ich erwischte ihn im Bett.

Ganz so anrüchig, wie das klingt, ist die Geschichte leider natürlich nicht. Folgendes spielte sich heute ab.

Gegen Mittag wird der WG-Balkon endlich von der Sonne beschienen. Dies wollte ich auskosten und meinen Roman draussen auslesen. Der Weg zum Balkon führt allerdings durchs Zimmer meiner Mitbewohnerin, ein Faktum, dem ich heute keine grosse Bedeutung zumass, denn sie hatte das Haus schon früh verlassen. Die Tür war geschlossen und man kann sich denken was jetzt kommt: Ich klopfte gewohnheitsmässig und als keine Reaktion erfolgte, betrat ich den Raum. Notabene trug ich dabei nur ein Schlaftischört und meine schlabbrige Pyjamahose, die bei ungünstigem Winkel einen Teil meiner unteren Rückseite ungewollt enthüllt. In diesem Aufzug schlenderte ich also durchs Zimmer, riss die Vorhänge auf, sah, dass der Sonnenstand noch nicht meinen Wünschen entsprach, drehte mich um und sah: den frisch erwachten Freund im Bett.

Die policy, dass das Zimmer von Mitbewohnern eigentlich Sperrgebiet sein sollte, hätte sich also einmal mehr bewährt...
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unterwegs mit der Russen-Mafia

Die Sonne hatte gebrannt und die ungewohnte körperliche Aktivität hatte das Ihrige dazu beigetragen, dass K. und ich verschwitzt, aber glücklich nach einer nur zweistündigen Wanderung in einem Urner Kaff ankamen. Zur Vollendung des gemütlichen Tags in den Bergen fehlte eigentlich nur noch eines: der Sprung in die erfrischende Umarmung des Urner Sees. Leider sah es ganz so aus, als ob K. und ich den Bus verpassen würden. Die Kraft, zu rennen, fehlte zu diesem Zeitpunkt und so streckte ich verzweifelt bei jedem vorüberfahrenden Auto den Daumen raus.

Lange Zeit schien sich keiner der Automobilisten erbarmen zu wollen. (Ich würde, ehrlich gesagt, auch keine potentiell schweisselnden Wanderer einladen...) Doch der Zuger Mercedes hielt an. Erstaunlicherweise, denn ein Blick ins Innere des Schlittens offenbarte, dass eigentlich nur noch Platz für eine Person war. Trotzdem liess ein Insasse im Fond des Wagens das Fenster herunter und rief uns lässig zu:

- "Hallo Ladies! Wo müsst ihr denn hin?"
- "Ins Kaff runter... Habt ihr Platz?"
- "Na klar, steigt ein!"

Dankbar erklommen wir den Rücksitz und quetschten uns zwischen zwei Enddreissiger. Neben K. sass Simon, der mit Secondo-Akzent nicht viel Substantielles zur Diskussion beitrug. Mein Nachbar war der Wortführer, ein kleiner, glatzköpfiger Mann, dem schon nach wenigen Sätzen sein gesellschaftlicher Status anzumerken war: neureich, lässig, selbstüberzeugt. Gefahren wurde der Mercedes von Jack, einem Mann von wenigen Worten und stahlblauen, kalten Augen. Auf dem Beifahrersitz sass vermutlich Jacks Gschpuusi, die nur einen einzigen Satz von sich gab, nämlich: "Wos mochsch du?" Der ostslawische Akzent war unüberhörbar.

Der obligate Small Talk, der primär vom kleinen Glatzkopf bestritten wurde, offenbarte Erstaunliches. Nicht nur waren wir in ein neureiches High-Society-Grüppchen geraten - das andauernde Gerede von "MEIN Schiff", "MEIN Seeanstoss" und "MEINE russischen Kunden" sowie die Ledersitze sprachen Bände. Die vier schienen auch auf einer ganz seltsamen Mission zu sein. "Wir haben eine Brotmaschine und Kleider von einer Alp herunter getragen und sie jemandem übergeben. Der ist jetzt bereits auf dem Weg ins Graubünden." Hat man jemals eine seltsamere Erklärung für einen Wanderausflug gehört? Als dann auch noch die Erklärung für den Transfer folgte, wurde mein Mund trocken: "Der Senn ist ein Bekannter von mir, er musste vor jemandem flüchten, der ihn umbringen wollte."

Wo waren wir da bloss hineingeraten?

Den Rest der Fahrt über taten wir alles, um heikle Themen zu vermeiden. Für den letzten Teil steuerte Jack den Mercedes auf die Autobahn und ich dachte mir bloss, was, wenn wir jetzt mit 120 einen Unfall bauen? Unangeschnallt, zu Viert auf dem Rücksitz? Als uns Simon auch noch zu sich nach Hause - SEIN Seeanstoss - zum Baden einladen und unsere höfliche Absage nicht akzeptieren wollte, griff K. zu einer Notlüge. Die Stimmung im Auto wurde immer unerträglicher. Konnte es sein, dass ich nach Jahren erfolgreichen und ungefährlichen Autostöpplens nun für meinen Leichtsinn bestraft wurde? Wer waren diese Leute? Wie passten der kalte Jack, der joviale Glatzköpfige, die stumme Russin und der doofe Simon zusammen? Irritierte mich einfach ihre mondäne Art oder stimmte mit ihnen auch sonst etwas nicht?

Die Aktion nahm jedoch ein gutes Ende, und natürlich liessen wir uns bis zum Badeplatz chauffieren - wenn schon, denn schon - und verliessen dort erleichtert das Auto. Kaum waren die Zuger ausser Sichtweite, begann das Geläster (und Stoff dafür hatten wir reichlich).

Und das Fazit? Darf sich jetzt jeder selber aussuchen:

[ ] Autostöpplen macht Spass!
[ ] Autostöpplen kann saumässig ins Auge gehen.
[ ] Ich will Jacks Handynummer.
[ ] Es gibt schon seltsame Leute.
[ ] Der Urner See ist der schönste See der Welt.
[ ] Die vom Zwischenbericht ist ein leichtsinniges Huhn und der Muskelkater geschieht ihr ganz recht.
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02:30 a.m.

Schlaflos. Schon seit Stunden. Einst hiess der Plan: Um 6 Uhr aufstehen und viel Arbeit erledigen. Jetzt heisst der Plan: Aus der Schlaflosigkeit das Beste rausholen.

Zu müde eigentlich, um noch zu lesen. Nicht Belletristik und schon gar nicht wissenschaftliche Literatur. Die angefangene Politiker-Biographie würde verlocken, doch ich will nicht mittendrin merken, dass ich die Hälfte nicht mitkriege. Doch zu wach, um zu schlafen, zu wach. Hellwach, eigentlich, bloss eingeschränkt. (Und im Pischi.)

Schlaflos. Und draussen bellen Hunde.

Ich wollte ja nur aufräumen - wer konnte ahnen, dass die spontane Putzaktion mich derart aufputschen würde? Doch der Anblick meines aufgeräumten Zimmers und der Geruch von Gallseife im Bad scheinen irgendwelche seltsamen Neurotransmitter freizusetzen. Auch der Konsum der SF2-Frauenserien richtete wenig aus. Atypisch, denn normalerweise nicke ich spätestens nach Grey's Anatomy fast ein, weil mich der immergleiche Schlafzimmerblick der Protagonistin so einlullt.

Schlaflos. Und erstaunt, was draussen alles läuft. Ein hustender Nachbar, unerklärliches Geklapper und gewaltsam quietschende Bremsen - verblüffend viel Verkehr sowieso. Und zwischendurch immer wieder vorwurfsvoll die Kirchglocken, mit denen höhere Mächte - oder zumindest deren irdische Mechanik - auch Ex-Katholikinnen ein schlechtes Gewissen einzujagen vermögen.

Zeit für einen Beruhigungstee. Vielleicht sogar mit Honig.


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