Das Sommerloch: die Zeit, in der alles stillsteht, die Zeit, in der Staatsmänner urlauben und jeder Mückenpups zum Elefantengegel aufgeblasen wird. Der Schreck aller Journalisten, aber vor allem der Zeitungsleser (oder der E-Konsumenten, wie das folgende Beispiel zeigt). Denn nichts verträgt sich schlechter als sommerloch-induzierte Langeweile auf der Redaktion in Kombination mit hitzeinduzierter Recherche-Faulheit. Aber schauen wir uns erstmal das Beispiel an.
Die massenmediale Konstruktion der Realität:
Tagi/Newsnetz "berichten" am 15. Juli von einem Unfall auf einer Baustelle auf dem Gotthard. [Hier geht's zum Screenshot.]
"Ein im Kanton Zürich wohnhafter Zimmermann ist am Mittwochmorgen auf einer Baustelle auf dem Gotthard-Pass acht Meter in die Tiefe gestürzt."
Der "Artikel" besteht aus vier Sätzen (inklusive Lead) und hat einen Interessantheitsgrad von, sagen wir mal, geringem Ausmass. Aber, zumindest das habe ich gelernt an der Uni, wenn es einen Bezug zum Lokalen gibt, besteht immer ein Nachrichtenwert. Und er arme Bauarbeiter ist offenbar ein Zürcher. Noch dazu gibt es ein Video. Man sieht zwei Minuten lang das Gebäude und ein paar Leute, die davor hin und her gehen. Zum Glück war jemand von Newspictures vor Ort, um alles aufzuzeichnen. Und auch die Rega war im Einsatz, ich meine: die Berichterstattung darüber ist nun wirklich ein Muss.
Die Konstruktion der Realität von einem, der es wissen muss:
Eine gut unterrichtete Quelle klärte mich gestern über drei Fehler in der newsnetzschen Berichterstattung auf. Erster Fehler: Es war kein Zimmermann, sondern ein Dachdecker, über den da berichtet wird. Zweiter Fehler: Der Mann stürzte nicht aus acht Metern in die Tiefe und brach sich alle Knochen, wie man vermuten könnte. Er durchtrennte sich lediglich eine Sehne an der Hand. Ein armer Kerl, aber hey: schon ein Unterschied zu einem Sturz, nicht? Fassen wir also kurz zusammen, bevor wir zum dritten und finalen Fehler kommen: Ein Dachdecker verletzt sich während der Arbeit und muss von der Rega abtransportiert werden, weil das vom Gotthardpass runter halt einfach deutlich schneller geht und er vielleicht gerne nicht allzu viel Blut verlieren möchte. So eine Nachricht schafft es eigentlich nicht mal während des Sommerlochs in die Medien. Doch die Herkunft des Handwerkers, das haben wir oben gesehen, schafft einen Bezug zum Leser. Bloss, liebe Newsnetzpraktikanten, da muss ich euch leider auch enttäuschen: Denn der Mann, und das macht diese "Berichterstattung" gänzlich zur Absurdität...
...war gar kein Zürcher.