Podium - ein augenöffnendes Schauspiel in drei Akten
Geplant war für diesen Abend eigentlich süsses Nichtstun zuhause. Doch als Kollege Bauer anrief und mir von seiner Teilnahme an einem Podiumsgespräch erzählte, war ich sofort Feuer und Flamme. Bauer ist der linke (und junge) Underdog in einer Meute von Bürgerlichen und ihr gemeinsames Ziel ist: ein Ständeratssitz. Ich kam nicht umhin, hinzugehen und ihn mit Rat, Tat und einem roten T-Shirt zu unterstützen.
Die Akteure des Abends:
1. Akt - Disput
der kleine Prinz: eröffnet den Abend, begrüsst das Publikum und erläutert das Vorgehen. "Zuerst wird jeder Kandidat ein Pläduaieh halten und ich werde jedem Einzelnen eine heisse Frage stellen, hä hä."
Rick: ist als Bisheriger als Erster dran. Schon beim Betreten des Saals hatte er sich professionell jedem einzelnen potentiellen Wähler separat vorgestellt und dabei seinen wohlkonditionierten Augenkontakt eingesetzt. Auch sein Auftreten zeigt: Da wurde Geld ins Erscheinungsbild investiert. Das graue Haar korrekt gescheitelt, den Teint sanft, aber effektiv mit Make-Up getönt. Er spricht von Freiheit und Eigenverantwortung und man fragt sich, zu welcher Partei der Mann überhaupt gehört. Nicht zur selbstbetitelt liberalen jedenfalls, auch wenn man anders vermuten könnte. Kernargumentation von Rick: "Wählt mich, denn ihr habt mich ja schon mal gewählt." Logisch.
Knecht K.: war anscheinend länger in der Südsee oder im Solarium. Er konzentriert sich auf das Thema Sicherheit. Lustig eigentlich, denn später setzt er sich ein für: AKWs, Schusswaffen in der guten Stube und Offroader auf der Strasse. Klingt wirklich alles sehr sicherheitsförderlich. Zu Erheiterung führt sein Votum: "Der Wehrmann identifiziert sich mit seiner Waffe! Die darf man ihm nicht einfach wegnehmen!"
Dressler: betritt als erster Neukandidat die Bühne. Noch vermag er zu beeindrucken mit seiner Aussage "Ich möchte die Schweiz und die Umwelt so wie sie sind an die kommende Generation weiter geben." Noch hat sich aber nicht herausgestellt, dass er mit einem Volvo-Offroader durch die halbe Schweiz fährt, weil es so zwei Stunden schneller geht. Neben der Umwelt interessiert ihn aber auch noch der Fussball. So viel zu seinem politischen Programm.
der kleine Prinz: schaltet sich immer wieder ein und stellt seine Fragen. Als Dressler zögert, meint er: "Das sind absichtlich ein bisschen provozierende Fragen, hä hä..." Na so eine Überraschung.
Schlachter: ist als nächster dran. Als politischer Neuling hat er viel zu erzählen, vor allem über sich selbst. Weniger über Inhalte. Und weiter geht's.
Kollege Bauer: "Herr Rick hat es zuvor in seiner Einstiegsrede erwähnt: Um in Bern Erfolg zu haben, braucht man Zeit. Und ich bin der Ansicht, dass ich in dieser Runde am meisten davon habe." Schon diese wenigen Worte qualifizieren Bauer für eine ganz andere Liga, die Liga der Politiker, die Inhalt und Witz vereinen können und noch dazu mit Frische glänzen. Er spricht von Visionen und man weiss, er hat sie.
der kleine Prinz: leitet über in die Diskussionsrunde.
Die Kandidaten reihen sich an Stehtischen auf. Das Thema Umwelt wird thematisiert und das Publikum fragt sich: Wo liegt der Unterschied zwischen den bürgerlichen Kandidaten, die aus drei Parteien stammen? Alle rühmen sich des Besitzes eines Smarts oder Generalabos und betonen, wie umweltfreundlich ihre Häuser ausgestattet sind. Alle haben keine Lösung für das Klimaproblem, ausser: "Atomstrom einsetzen." Sehr umweltfreundlich. Erst als Kollege Bauer das Wort ergreift, werden Lösungen präsentiert, und nicht bloss Ausflüchte. Nutzung alternativer Energien. Ansetzen beim Verbraucher. Die 2000-Watt-Gesellschaft.
Knecht K., Rick, Dressler und Schlachter: greifen den Gegner kollektiv an. Die Argumente reichen von "Sollen wir denn den Saal mit Kerzen beleuchten?" (Dressler) bis zu "Sie sind naiv." (Rick) Bauer gerät in Bedrängnis, aber kann sich aus der Situation retten.
Die Diskussion schweift unter der Leitung des kleinen Prinzen zum Thema Steuern ab, welches einleuchtenderweise weniger leidenschaftlich diskutiert wird und das Publikum auch eher kalt lässt.
Vorhang.
2. Akt - Apéro
das Publikum: strömt in den Vorraum und versorgt sich mit Orangensaft und Weisswein. Die Kandidaten schliessen sich an und bald wird im Stehen weiter debattiert. Rick hat gemerkt, dass Bauers Entourage keine potentiellen Wähler sind und wendet gottlob seine "Look into my eyes, look into my eyes, the eyes, the eyes, not around the eyes, don't look around the eyes, look into my eyes..."-Taktik nicht mehr an, um unsere Meinung zu beeinflussen. Schlachter gibt seine Sympathien zu erkennen und endlich macht das rote Blitzen seiner Brille Sinn. Als wir ihn auf ein konkretes Problem ansprechen, weiss er aber weder ein noch aus und rettet sich mit "Meine Frau möchte nach Hause..." Dressler und Knecht K. halten sich sehr zurück und verlassen die Location früh. Vielleicht rechnen sie sich keine Chancen aus, vielleicht aber auch mit ihrer sicheren Wiederwahl.
Als es keinen Weisswein mehr gibt, entschliesst sich auch Bauers Entourage zu gehen.
Vorhang.
3. Akt - Epilog
Noch die ganze Nacht beherrscht der triumphale Auftritt Bauers die Gespräche. Immer wieder freut sich das Quartett ob der Souveränität des jungen Kandidaten und darüber, wie offenkundig unwählbar die Kontrahenten für breite Bevölkerungsschichten sind. Und man überlegt sich, was wäre wenn, und wie es wäre, wenn...
Am nächsten Morgen brummt mir vom billigen Weisswein der Kopf. Doch ein Gedanke formiert sich ganz klar. Egal, ob das Wahrscheinliche eintritt und Bauer einige Stimmen und einen Achtungserfolg verbuchen kann oder ob er, wie geil wäre das denn?, in den Ständerat einziehen wird, egal, was passiert: Ich weiss jetzt, was ich will.
Doch dazu ein anderes Mal.
Die Akteure des Abends:
- der kleine Prinz: in der Rolle des Moderators.
- Knecht K.: bisheriger Ständerat und Angehöriger einer relativ jungen Bundesratspartei.
- Dressler: Parteifreund von Rick.
- Rick: bisherig und professionell.
- Schlachter: liberal-spritziger Quereinsteiger mit rot reflektierender Brille. Was das wohl bedeuten mag?
- Kollege Bauer: jung, links und die einzige Alternative im Ständeratskarussell.
- das Publikum: durchsetzt mit den drei Bauer-Sympathisanten Luc, Etienne und meiner Wenigkeit, die eifrig tosenden Beifall und moralische Unterstützung spendeten.
1. Akt - Disput
der kleine Prinz: eröffnet den Abend, begrüsst das Publikum und erläutert das Vorgehen. "Zuerst wird jeder Kandidat ein Pläduaieh halten und ich werde jedem Einzelnen eine heisse Frage stellen, hä hä."
Rick: ist als Bisheriger als Erster dran. Schon beim Betreten des Saals hatte er sich professionell jedem einzelnen potentiellen Wähler separat vorgestellt und dabei seinen wohlkonditionierten Augenkontakt eingesetzt. Auch sein Auftreten zeigt: Da wurde Geld ins Erscheinungsbild investiert. Das graue Haar korrekt gescheitelt, den Teint sanft, aber effektiv mit Make-Up getönt. Er spricht von Freiheit und Eigenverantwortung und man fragt sich, zu welcher Partei der Mann überhaupt gehört. Nicht zur selbstbetitelt liberalen jedenfalls, auch wenn man anders vermuten könnte. Kernargumentation von Rick: "Wählt mich, denn ihr habt mich ja schon mal gewählt." Logisch.
Knecht K.: war anscheinend länger in der Südsee oder im Solarium. Er konzentriert sich auf das Thema Sicherheit. Lustig eigentlich, denn später setzt er sich ein für: AKWs, Schusswaffen in der guten Stube und Offroader auf der Strasse. Klingt wirklich alles sehr sicherheitsförderlich. Zu Erheiterung führt sein Votum: "Der Wehrmann identifiziert sich mit seiner Waffe! Die darf man ihm nicht einfach wegnehmen!"
Dressler: betritt als erster Neukandidat die Bühne. Noch vermag er zu beeindrucken mit seiner Aussage "Ich möchte die Schweiz und die Umwelt so wie sie sind an die kommende Generation weiter geben." Noch hat sich aber nicht herausgestellt, dass er mit einem Volvo-Offroader durch die halbe Schweiz fährt, weil es so zwei Stunden schneller geht. Neben der Umwelt interessiert ihn aber auch noch der Fussball. So viel zu seinem politischen Programm.
der kleine Prinz: schaltet sich immer wieder ein und stellt seine Fragen. Als Dressler zögert, meint er: "Das sind absichtlich ein bisschen provozierende Fragen, hä hä..." Na so eine Überraschung.
Schlachter: ist als nächster dran. Als politischer Neuling hat er viel zu erzählen, vor allem über sich selbst. Weniger über Inhalte. Und weiter geht's.
Kollege Bauer: "Herr Rick hat es zuvor in seiner Einstiegsrede erwähnt: Um in Bern Erfolg zu haben, braucht man Zeit. Und ich bin der Ansicht, dass ich in dieser Runde am meisten davon habe." Schon diese wenigen Worte qualifizieren Bauer für eine ganz andere Liga, die Liga der Politiker, die Inhalt und Witz vereinen können und noch dazu mit Frische glänzen. Er spricht von Visionen und man weiss, er hat sie.
der kleine Prinz: leitet über in die Diskussionsrunde.
Die Kandidaten reihen sich an Stehtischen auf. Das Thema Umwelt wird thematisiert und das Publikum fragt sich: Wo liegt der Unterschied zwischen den bürgerlichen Kandidaten, die aus drei Parteien stammen? Alle rühmen sich des Besitzes eines Smarts oder Generalabos und betonen, wie umweltfreundlich ihre Häuser ausgestattet sind. Alle haben keine Lösung für das Klimaproblem, ausser: "Atomstrom einsetzen." Sehr umweltfreundlich. Erst als Kollege Bauer das Wort ergreift, werden Lösungen präsentiert, und nicht bloss Ausflüchte. Nutzung alternativer Energien. Ansetzen beim Verbraucher. Die 2000-Watt-Gesellschaft.
Knecht K., Rick, Dressler und Schlachter: greifen den Gegner kollektiv an. Die Argumente reichen von "Sollen wir denn den Saal mit Kerzen beleuchten?" (Dressler) bis zu "Sie sind naiv." (Rick) Bauer gerät in Bedrängnis, aber kann sich aus der Situation retten.
Die Diskussion schweift unter der Leitung des kleinen Prinzen zum Thema Steuern ab, welches einleuchtenderweise weniger leidenschaftlich diskutiert wird und das Publikum auch eher kalt lässt.
Vorhang.
2. Akt - Apéro
das Publikum: strömt in den Vorraum und versorgt sich mit Orangensaft und Weisswein. Die Kandidaten schliessen sich an und bald wird im Stehen weiter debattiert. Rick hat gemerkt, dass Bauers Entourage keine potentiellen Wähler sind und wendet gottlob seine "Look into my eyes, look into my eyes, the eyes, the eyes, not around the eyes, don't look around the eyes, look into my eyes..."-Taktik nicht mehr an, um unsere Meinung zu beeinflussen. Schlachter gibt seine Sympathien zu erkennen und endlich macht das rote Blitzen seiner Brille Sinn. Als wir ihn auf ein konkretes Problem ansprechen, weiss er aber weder ein noch aus und rettet sich mit "Meine Frau möchte nach Hause..." Dressler und Knecht K. halten sich sehr zurück und verlassen die Location früh. Vielleicht rechnen sie sich keine Chancen aus, vielleicht aber auch mit ihrer sicheren Wiederwahl.
Als es keinen Weisswein mehr gibt, entschliesst sich auch Bauers Entourage zu gehen.
Vorhang.
3. Akt - Epilog
Noch die ganze Nacht beherrscht der triumphale Auftritt Bauers die Gespräche. Immer wieder freut sich das Quartett ob der Souveränität des jungen Kandidaten und darüber, wie offenkundig unwählbar die Kontrahenten für breite Bevölkerungsschichten sind. Und man überlegt sich, was wäre wenn, und wie es wäre, wenn...
Am nächsten Morgen brummt mir vom billigen Weisswein der Kopf. Doch ein Gedanke formiert sich ganz klar. Egal, ob das Wahrscheinliche eintritt und Bauer einige Stimmen und einen Achtungserfolg verbuchen kann oder ob er, wie geil wäre das denn?, in den Ständerat einziehen wird, egal, was passiert: Ich weiss jetzt, was ich will.
Doch dazu ein anderes Mal.
comments
Bauer
@ 07.10.2007 14:08 CEST
Herrlich der Bericht. Seit ich ihn gelesen habe übe ich vor dem Spiegel meinen Augenaufschlag und die optimale Zeitspanne für den Blickkontakt.
Falls das mit der Politik nichts wird, kann ich danach bestimmt eine grosse Karriere als Autoverkäufer starten.
Gruss Bauer
Herrlich der Bericht. Seit ich ihn gelesen habe übe ich vor dem Spiegel meinen Augenaufschlag und die optimale Zeitspanne für den Blickkontakt.
Falls das mit der Politik nichts wird, kann ich danach bestimmt eine grosse Karriere als Autoverkäufer starten.
Gruss Bauer
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