Al-Qaida-Methoden, oder: Die beunruhigende Geschichte des Hotelgasts Frau H.
"Sind Sie eine moderne Hexe?", fragte Frau H., die eben eingecheckt hatte, meine 80jährige Oma, die ihren Ohren kaum traute und nach Luft schnappte. Auch ich, zum Zeitpunkt der Frage gut verborgen, aber in Hörweite, war einigermassen erstaunt über die dreiste Frage, konnte mir aber ein Schmunzeln nicht verkneifen. Der Wortwechsel, der folgte, war geprägt von Unverständnis von Seiten meiner Grossmutter und von weiteren mysteriösen Aussagen und Fragen von Frau H. Als sie die Gaststube endlich verliess, machten wir uns noch ein wenig lustig und meine Arbeitskollegin sorgte sich, weil sie der Frau überhaupt ein Zimmer gegeben hatte.
Kurz darauf begleitete ich Frau H. in eben dieses: Zimmer 20 liegt im obersten Stock und so half ich dem Gast mit ihrem Gepäck. Plötzlich blieb sie zurück - ausser Atem? Mitnichten. Frau H. holte schnell wieder auf und befand, während sie mir eine Holzmaske entgegenstreckte: "Das muss weg." Mein Gesicht muss wohl ein einziges Fragezeichen gewesen sein. "Es gibt Leute, die Humbug damit treiben." Ich nahm die Maske und versteckte sie.
Seltsame Vorkommnisse reihten sich an diesem Nachmittag aneinander. Frau H., die einen Tee bestellte, zwei Schlucke nippte, dann davon lief. Frau H., die durchs Dorf streifte. Frau H., die einem nie in die Augen sah.
Kurz nach Beginn der Abendschicht kam Frau H. ins Restaurant und wandte sich mit gesenktem Blick an den Chef, senkte auch ihre Stimme und flüsterte ihm zu: "Ich muss mit der Polizei sprechen." Er, vorbildlicher Gastgeber, holte das Telefonbuch heraus und suchte die entsprechende Nummer, während Frau H. sich schon wieder abwandte: "Ich muss schnell ins Zimmer..." Als die Verbindung zum Polizeiposten zustande kam, musste die Dame also zuerst noch aus ihrer Kammer geholt werden. Und dann folgte endlich der Dialog, welchen das gesamte Personal mit gespielter Unbeteiligtheit, aber gespitzen Ohren mitverfolgte.
"Grüezi, hier spricht Frau H. Ich habe Kenntnis davon, dass heute Nacht eine Morphium-Übergabe stattfindet. Die arbeiten mit Al-Qaida-Methoden, einer Verbindung aus Drogen und psychischer Beeinflussung. Ich muss hier weg, ich fühle mich nicht mehr sicher."
Eine Mischung aus Grauen und Gelächter blieb in meinem Hals stecken. Die Bemerkung bezüglich der Maske machte plötzlich Sinn: Eine perfekte Möglichkeit, um einem verwirrten Menschen noch mehr Angst einzujagen.
Frau H. bezahlte ihr Nachtessen und das Hotelzimmer mit der Bemerkung "Vielleicht komme ich ja heute Nacht schon wieder hier zurück". Noch selten habe ich eine Aussage mehr bezweifelt als diese. Als sie das Restaurant verliess, rief sie über ihre Schulter "Nehmen Sie keine Drogen!".
Wir mutmassten später noch darüber, was nun wohl mit Frau H. geschehen würde, ob sie irgendwo ab- oder eingeliefert würde, ob sie nach Hause gefahren oder einfach die Nacht bei der Polizei verbringen würde.
Am nächsten Morgen stand sie jedenfalls schon wieder auf der Matte, trank einen Cappuccino, ass ein Croissant, entschuldigte sich bei mir für das "Cabaret", das ihretwegen entstanden sei und gab ein grosszügiges Trinkgeld.
Und ich weiss nicht, was ich beunruhigender fände: Dass eine Frau, die offensichtlich sehr durcheinander ist, schon 12 Stunden später wieder unbeausichtigt auf freiem Fuss ist oder dass die Frau vielleicht gar nicht so verwirrt war, wie wir annahmen...
Kurz darauf begleitete ich Frau H. in eben dieses: Zimmer 20 liegt im obersten Stock und so half ich dem Gast mit ihrem Gepäck. Plötzlich blieb sie zurück - ausser Atem? Mitnichten. Frau H. holte schnell wieder auf und befand, während sie mir eine Holzmaske entgegenstreckte: "Das muss weg." Mein Gesicht muss wohl ein einziges Fragezeichen gewesen sein. "Es gibt Leute, die Humbug damit treiben." Ich nahm die Maske und versteckte sie.
Seltsame Vorkommnisse reihten sich an diesem Nachmittag aneinander. Frau H., die einen Tee bestellte, zwei Schlucke nippte, dann davon lief. Frau H., die durchs Dorf streifte. Frau H., die einem nie in die Augen sah.
Kurz nach Beginn der Abendschicht kam Frau H. ins Restaurant und wandte sich mit gesenktem Blick an den Chef, senkte auch ihre Stimme und flüsterte ihm zu: "Ich muss mit der Polizei sprechen." Er, vorbildlicher Gastgeber, holte das Telefonbuch heraus und suchte die entsprechende Nummer, während Frau H. sich schon wieder abwandte: "Ich muss schnell ins Zimmer..." Als die Verbindung zum Polizeiposten zustande kam, musste die Dame also zuerst noch aus ihrer Kammer geholt werden. Und dann folgte endlich der Dialog, welchen das gesamte Personal mit gespielter Unbeteiligtheit, aber gespitzen Ohren mitverfolgte.
"Grüezi, hier spricht Frau H. Ich habe Kenntnis davon, dass heute Nacht eine Morphium-Übergabe stattfindet. Die arbeiten mit Al-Qaida-Methoden, einer Verbindung aus Drogen und psychischer Beeinflussung. Ich muss hier weg, ich fühle mich nicht mehr sicher."
Eine Mischung aus Grauen und Gelächter blieb in meinem Hals stecken. Die Bemerkung bezüglich der Maske machte plötzlich Sinn: Eine perfekte Möglichkeit, um einem verwirrten Menschen noch mehr Angst einzujagen.
Frau H. bezahlte ihr Nachtessen und das Hotelzimmer mit der Bemerkung "Vielleicht komme ich ja heute Nacht schon wieder hier zurück". Noch selten habe ich eine Aussage mehr bezweifelt als diese. Als sie das Restaurant verliess, rief sie über ihre Schulter "Nehmen Sie keine Drogen!".
Wir mutmassten später noch darüber, was nun wohl mit Frau H. geschehen würde, ob sie irgendwo ab- oder eingeliefert würde, ob sie nach Hause gefahren oder einfach die Nacht bei der Polizei verbringen würde.
Am nächsten Morgen stand sie jedenfalls schon wieder auf der Matte, trank einen Cappuccino, ass ein Croissant, entschuldigte sich bei mir für das "Cabaret", das ihretwegen entstanden sei und gab ein grosszügiges Trinkgeld.
Und ich weiss nicht, was ich beunruhigender fände: Dass eine Frau, die offensichtlich sehr durcheinander ist, schon 12 Stunden später wieder unbeausichtigt auf freiem Fuss ist oder dass die Frau vielleicht gar nicht so verwirrt war, wie wir annahmen...
comments
Nanina
@ 22.09.2007 16:26 CEST
Extrem spannend und völlig verwirrend.
Ich lese das als Literatur (ist mir egal, ob es stimmt oder nicht) und in diesem Sinne: Schlusssatz weg und Stil noch ein bisschen polieren und länger. Dann hast Du eine grossartig Kurzgeschichte geschrieben.
Extrem spannend und völlig verwirrend.
Ich lese das als Literatur (ist mir egal, ob es stimmt oder nicht) und in diesem Sinne: Schlusssatz weg und Stil noch ein bisschen polieren und länger. Dann hast Du eine grossartig Kurzgeschichte geschrieben.
die vom zwischenbericht
@ 24.09.2007 10:45 CEST
danke für die blumen! falls ich mal einen band mit kurzgeschichten rausgebe, werde ich deine tipps bestimmt beherzigen.
was stört dich am letzten satz?
danke für die blumen! falls ich mal einen band mit kurzgeschichten rausgebe, werde ich deine tipps bestimmt beherzigen.
was stört dich am letzten satz?
zett
@ 25.09.2007 17:23 CEST
das Gschichtli erinneret mich anäs liädli wo du mal z Barcelona agstimmt hesch "paranoia lalala..." :-)
das Gschichtli erinneret mich anäs liädli wo du mal z Barcelona agstimmt hesch "paranoia lalala..." :-)
dis "lieblings" cousindli.. :)
@ 27.09.2007 08:58 CEST
oh my god!!
das isch ja wohl de absoluti ober hammer gsi wo ich ide letschte ziit erläbt ha!! vorallem "wenn ich die nacht überläbe sell, denn muess ich uf basel"!!
damn.. weisch, ich chume mit somene RIESE flash ufe und denn passiert soöpis.. het uf jedefall zu eim vo mine gröschte gröl-flashs ever gfüehrt! :)
wäg de konz, weiss no nid öb ich cha mitcho.. gah ja abem 20. okt. uf lausanne!! sorry, cha aber momentan kei mails schriibe, will mi "outlook-ausgang" streikt!! :(
oh my god!!
das isch ja wohl de absoluti ober hammer gsi wo ich ide letschte ziit erläbt ha!! vorallem "wenn ich die nacht überläbe sell, denn muess ich uf basel"!!
damn.. weisch, ich chume mit somene RIESE flash ufe und denn passiert soöpis.. het uf jedefall zu eim vo mine gröschte gröl-flashs ever gfüehrt! :)
wäg de konz, weiss no nid öb ich cha mitcho.. gah ja abem 20. okt. uf lausanne!! sorry, cha aber momentan kei mails schriibe, will mi "outlook-ausgang" streikt!! :(
die vom zwischenbericht
@ 27.09.2007 09:02 CEST
a das mit basel hani mi gar nümm erinnered... brr.
losann! he - mier gsehnd üs aber scho vorhär no, oder? schüscht chumi eifach is wälschland a konzärtli :)
a das mit basel hani mi gar nümm erinnered... brr.
losann! he - mier gsehnd üs aber scho vorhär no, oder? schüscht chumi eifach is wälschland a konzärtli :)
zett (heute mal unötig seinen Senf dazugebend)
@ 27.09.2007 11:23 CEST
mä chad au ohni Outlook-Usgang Mails schriebä und verschickä (schlächti Usred).
mä chad au ohni Outlook-Usgang Mails schriebä und verschickä (schlächti Usred).
die vom zwischenbericht
@ 27.09.2007 11:27 CEST
@senfmann: klugscheisser! :) aber wo du recht hast, hast du recht...
@senfmann: klugscheisser! :) aber wo du recht hast, hast du recht...
zett / Senfmann
@ 27.09.2007 15:23 CEST
du chasch mich doch nid eifach als Senfmann bezeichnä! apropos, thooomy thoooomy lala lala laaalaaa.... so da dermit hättet mer ändgültig der Punkt erreicht, wo d Kommentär absolut nüt meh mit dr Ursprungsmäldig z tuä hend.
du chasch mich doch nid eifach als Senfmann bezeichnä! apropos, thooomy thoooomy lala lala laaalaaa.... so da dermit hättet mer ändgültig der Punkt erreicht, wo d Kommentär absolut nüt meh mit dr Ursprungsmäldig z tuä hend.
mareien
@ 28.09.2007 13:30 CEST
sehr schön, solche geschichten... dazu fällt mir ein: "finger weg von meiner paranoia, die war mir immer lieb und teuer, nie liess sie mich so kalt im stich wie du..."
sehr schön, solche geschichten... dazu fällt mir ein: "finger weg von meiner paranoia, die war mir immer lieb und teuer, nie liess sie mich so kalt im stich wie du..."
die vom zwischenbericht
@ 30.09.2007 19:48 CEST
@mareien: ich versteh da immer "finger weg von meiner fahrrad neuer"...
@mareien: ich versteh da immer "finger weg von meiner fahrrad neuer"...
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