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Der Steppenwolf

Hermann Hesse in "Der Steppenwolf" über das Bürgertum.

Es "versucht in temperierter Mitte der Bürger zu leben. Nie wird er sich aufgeben, sich hingeben, weder dem Rausch noch der Askese, nie wird er Märtyrer sein, nie in seine Vernichtung willigen - im Gegenteil, sein Ideal ist nicht Hingabe, sondern Erhaltung des Ichs, sein Streben gilt weder der Heiligkeit noch deren Gegenteil, Unbedingtheit ist ihm unerträglich, er will zwar Gott dienen, aber auch dem Rausche, will zwar tugendhaft sein, es aber auch ein bisschen gut und bequem auf Erden haben. Kurz, er versucht es, in der Mitte zwischen den Extremen sich anzusiedeln, in einer gemässigten und bekömmlichen Zone ohne heftige Stürme und Gewitter, und dies gelingt ihm auch, jedoch auf Kosten jener Lebens- und Gefühlsintensität, die ein aufs Unbedingte und Extreme gerichtetes Leben verleiht. (...) Auf Kosten der Intensität also erreicht er Erhaltung und Sicherheit, statt Gottbesessenheit erntet er Gewissensruhe, statt Lust Behagen, statt Freiheit Bequemlichkeit, statt tödlicher Glut eine angenehme Temperatur."

Die gleichzeitig angeekelte wie bewundernde Beschreibung des Bürgertums gab mir schon zu Schulzeiten zu denken, als ich, noch nicht mal volljährig, erstmals den Steppenwolf las, und sie tut es noch heute. Sie tönt bequem, die "temperierte Mitte", die "Mitte zwischen den Extremen", die "gemässigte und bekömmliche Zone", sie klingt nach Ruhe, nach Frieden, nach Geordnetheit. Sie suggeriert ein angenehmes Leben ohne Hochs und Tiefs. So wie ich es mir dann gerne einrichten würde, wenn die Extreme mir zu viel werden, wenn der Schmerz unerträglich wird, wenn nichts mehr sicher ist, wenn ich enttäuscht werde, wenn ich nach einer trunkenen Nacht mit explodierendem Schädel aufwache.

Aber will ich Ruhe, Frieden, Geordnetheit "auf Kosten jener Lebens- und Gefühlsintensität", auf Kosten von "Gottbesessenheit", "Lust" und "Freiheit", auf Kosten von "tödlicher Glut"? Keine Hals-über-Kopf-Stürze ins Ungewisse? Kein Feuer, kein Brennen? Keine Highs mehr, kein Rennen? Nur noch Flüstern, kein lautes Singen mehr, keine laute Musik? Kein Jubel, kein Weinen, kein Mitfiebern, keine Ungewissheit? Keine blinde Wut, keine ungezähmte Freude? Mich auf nichts einlassen, um mich vor Enttäuschung zu schützen?

Was ist anzustreben?
Ein Leben in angenehm temperierten, quasi lauwarmen Gefilden? Man richtet es sich so ein, dass nicht viel durcheinander gebracht werden kann. Keine Leidenschaft, aber auch kein Leiden. Keine Höhenflüge, aber auch keine Stürze ins unendlich Tiefe. Relative Ruhe, aber Langeweile.
Oder ein Leben, in dem die Extreme ausgereizt werden? Wo Schmerz und Liebe immer ganz nahe beieinander liegen, wo jeder Erfolg sofort mit einem Schlag ins Gesicht vergolten werden kann, wo intensives Leiden und intensivere Freude einander ablösen.

Bürgertum oder Steppenwolf?

Für Harry Haller, den so genannte Steppenwolf in Hesses Roman, sind beide Zustände untragbar. Das Steppenwolf-Dasein zerstört ihn, das Bürgertum scheint ihm hohl.

Fünf Jahre nach der ersten Beschäftigung mit dem Steppenwolf denke ich, dass man sich nicht für einen der Zustände entscheiden kann oder muss. Ein Leben als Steppenwolf, umherirrend, hin- und herpendelnd zwischen den Extremen, ist zu viel, lässt keinen Platz fürs Durchatmen. Ein Leben im Bürgertum ist das Falsche für mich, ein Leben ohne Heiss und Kalt scheint mir wertlos.

Und vielleicht ist es ja der Sinn allen Strebens, eine Balance zu finden zwischen der langweiligen Ordentlichkeit eines bürgerlichen Lebens und der überfordernden Intensität der Extreme, das Alltäglich-Normale und den lautstarken Wahnsinn unter einen Hut zu bringen, glücklich zu werden zwischen Kabelfernsehen und Totalabstürzen, Putzplan und lauten Punk-Konzerten, geregelten Arbeitszeiten und inniger Liebe, Pflichtübungen und Hals-über-Kopf-Leben.
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