zwischenbericht@Dylan-Konzert im Hallenstadion
8Dylan live zum Sechsten. Lange ersehnt, freudig erwartet, verkatert
angetreten. Viele werden an dieser Stelle eine Lobeshymne erwarten,
aber nein, ich muss heute - das erste und vielleicht das letzte Mal in
meiner Dylan-Laufbahn - Kritik üben.
Vielleicht lag es an mir, ich, die erschöpft vom Match (2:0!!!) und vom
anschliessenden Feiern war und deshalb nicht unbedingt den Nerv hatte,
schon wieder im Gedränge zu stehen und die, wäre nicht das Konzert
gewesen, einen Chill-Out-Abend vor dem Fernseher verbracht hätte.
Möglich. Viel wahrscheinlicher ist aber, dass der Ort, das
Hallenstadion, mir meine Laune vermiest hat.
Nicht genug damit, dass nur ein Eingang geöffnet hatte, so dass um
halb acht (um "8 pm sharp!" begann das Konzert), noch massenhaft Leute
anstehen mussten. Das neu erlassene Rauchverbot betrifft mich zwar
nicht, bewirkt aber ein ständiges "Gläuf" von Personen, die auf ihre
Zigi nicht verzichten. Und dass alles im Innern des Gebäudes auf
Konsum ausgelegt ist, bin ich mir ja langsam auch gewöhnt.
Den Gipfel des Unangenehmen erreicht für mich aber die Stimmung im
Saal selber. Das beginnt schon bei der Bestuhlung: Augenscheinlich
wird dabei vermutet, dass die Mehrheit der Konzertbesucher/Innen im
Alter des Protagonisten ist. Stehplätze kann man also vergessen. Aber
daran bin ich mir ja schon seit 2002 gewöhnt, als die
Hallenstadion-Betreiber sich erstmals überlegten "Hmmm, wie könnten
wir jetzt noch mehr Stutz aus diesen Leuten rauspressen? Genau! Wir
bestuhlen einfach die ganze Fläche direkt vor der Bühne und verkaufen
die Tix für 99 Franken das Stück!" Genialer Plan.
Stimmung kommt also schon mal keine auf. Ok. Wir setzen uns also hin
und versuchen, aus dem Abend das Beste zu machen. Aber die
Securitasleute, die überaufmerksam herumhetzen, ständig geil darauf,
jemandem beim Rauchen, beim unerlaubten Herumstehen (denn auch dies
ist im Hallenstadion während des Konzerts nun nicht mehr erlaubt) oder
beim Atmen zu erwischen, die vermiesen einem echt noch den letzten
Rest Freude.
Fazit Nr. 1: Das Hallenstadion werde ich in Zukunft so gut es geht boykottieren.
Und der Sound?
Nun, da stellt sich vorerst die Frage, was ich überhaupt erwartet und
worauf ich mich gefreut hatte. Die Antwort: Alternative Versionen von
seinen Stücken, die Unberechenbarkeit eines jeden Dylan-Konzerts,
somit auch Überraschungen und natürlich die Songauswahl.
Die Songauswahl überzeugte mich voll und ganz. Mit "Señor (Tales of
Yankee Power)", das ich zuerst für "Mississippi", dann für "Just Like
A Woman" hielt, "Visions of Johanna" und "My Back Pages" durfte ich
mich an drei meiner absoluten Favourites erfreuen. Auf "Johanna" hatte
ich schon seit Jahren gehofft, umso grösser war die Freude, als es
dann erklang. Das totgelaufene "Blowin' in the Wind" liess die Band -
Danke! Danke! - glücklicherweise aus und "Like A Rolling Stone" und
"All Along the Watchtower" waren wie gewohnt ein Garant für einen
rockigen Konzertabschluss (den ich einmal mehr direkt vor der Bühne
verbringen konnte - immerhin so "nett" sind die
Hallenstadionbetreiber, dass sie die Fans für die Zugaben aus ihren
Sitz-Gefängnissen raus- und vor die Bühne rennen lassen).
Mr. Dylan war die Lyrics betreffend in Hochstimmung. So habe ich ihn
noch nie gesehen: Die doch eher komplexen Texte von "Visions of
Johanna" und "My Back Pages" rezitierte er einwandfrei! Vor allem "My
Back Pages" überzeugte im Vergleich mit der 2000er Version restlos:
Damals hatte Bob drei Strophen von sechs auswendig gekannt...
[ich hege allerdings auch den Verdacht, dass der Zettel auf dem Piano
vor Dylan ein Textblatt war...]
Der Wunsch nach Unberechenbarkeit wurde ebenfalls erfüllt: Dylan
sprach wieder zu uns (Hurra... ;-) und stellte seine Band mit Namen
und - surprise, surprise - mit Wohnort vor. Originell. Die Versionen
waren auch ziemlich spannend, so beispielsweise "New Morning", welches
ich noch nie live gehört hatte. Allerdings war die Autorin in sehr,
sehr schlechter Song-Erkenn-Verfassung... Oh mein Gott. Nicht genug,
dass ich Songs nicht erkannte (das ja geht den meisten Konzertgängern
so), ich deutete viele auch völlig falsch und identifizierte zwei Mal
einen Liedanfang als "Blowin' in the Wind"... (stellten sich dann als
"Every Grain of Sand" und "Standing in the Doorway" heraus) Wie
peinlich. Aber eben: ich war etwas überanstrengt vom Vorabend.
Nun noch zur versprochenen Kritik: zwei, drei Stücke klingen einfach
sehr ähnlich, das ermüdet. Die Band ist nicht immer optimal
aufeinander abgestimmt. Und es ist schon schade, dass Dylan der linken
Saalhälfte den Rücken zugedreht hat.
Reicht das?
Der Höhepunkt des Abends waren für mich die Zugaben, es ist immer
wieder schön zu sehen, wie "All Along the Watchtower" reinhaut, das
ist wirklich geil. Somit hat der Abend trotz all meiner Vorbehalte ein
versöhnliches Ende gefunden und auf Bobs Gruss "Thank you, friends"
würde ich ohne zu zögern mit "Thank you, Bob" antworten.
Und bis zum nächsten Mal.
angetreten. Viele werden an dieser Stelle eine Lobeshymne erwarten,
aber nein, ich muss heute - das erste und vielleicht das letzte Mal in
meiner Dylan-Laufbahn - Kritik üben.
Vielleicht lag es an mir, ich, die erschöpft vom Match (2:0!!!) und vom
anschliessenden Feiern war und deshalb nicht unbedingt den Nerv hatte,
schon wieder im Gedränge zu stehen und die, wäre nicht das Konzert
gewesen, einen Chill-Out-Abend vor dem Fernseher verbracht hätte.
Möglich. Viel wahrscheinlicher ist aber, dass der Ort, das
Hallenstadion, mir meine Laune vermiest hat.
Nicht genug damit, dass nur ein Eingang geöffnet hatte, so dass um
halb acht (um "8 pm sharp!" begann das Konzert), noch massenhaft Leute
anstehen mussten. Das neu erlassene Rauchverbot betrifft mich zwar
nicht, bewirkt aber ein ständiges "Gläuf" von Personen, die auf ihre
Zigi nicht verzichten. Und dass alles im Innern des Gebäudes auf
Konsum ausgelegt ist, bin ich mir ja langsam auch gewöhnt.
Den Gipfel des Unangenehmen erreicht für mich aber die Stimmung im
Saal selber. Das beginnt schon bei der Bestuhlung: Augenscheinlich
wird dabei vermutet, dass die Mehrheit der Konzertbesucher/Innen im
Alter des Protagonisten ist. Stehplätze kann man also vergessen. Aber
daran bin ich mir ja schon seit 2002 gewöhnt, als die
Hallenstadion-Betreiber sich erstmals überlegten "Hmmm, wie könnten
wir jetzt noch mehr Stutz aus diesen Leuten rauspressen? Genau! Wir
bestuhlen einfach die ganze Fläche direkt vor der Bühne und verkaufen
die Tix für 99 Franken das Stück!" Genialer Plan.
Stimmung kommt also schon mal keine auf. Ok. Wir setzen uns also hin
und versuchen, aus dem Abend das Beste zu machen. Aber die
Securitasleute, die überaufmerksam herumhetzen, ständig geil darauf,
jemandem beim Rauchen, beim unerlaubten Herumstehen (denn auch dies
ist im Hallenstadion während des Konzerts nun nicht mehr erlaubt) oder
beim Atmen zu erwischen, die vermiesen einem echt noch den letzten
Rest Freude.
Fazit Nr. 1: Das Hallenstadion werde ich in Zukunft so gut es geht boykottieren.
Und der Sound?
Nun, da stellt sich vorerst die Frage, was ich überhaupt erwartet und
worauf ich mich gefreut hatte. Die Antwort: Alternative Versionen von
seinen Stücken, die Unberechenbarkeit eines jeden Dylan-Konzerts,
somit auch Überraschungen und natürlich die Songauswahl.
Die Songauswahl überzeugte mich voll und ganz. Mit "Señor (Tales of
Yankee Power)", das ich zuerst für "Mississippi", dann für "Just Like
A Woman" hielt, "Visions of Johanna" und "My Back Pages" durfte ich
mich an drei meiner absoluten Favourites erfreuen. Auf "Johanna" hatte
ich schon seit Jahren gehofft, umso grösser war die Freude, als es
dann erklang. Das totgelaufene "Blowin' in the Wind" liess die Band -
Danke! Danke! - glücklicherweise aus und "Like A Rolling Stone" und
"All Along the Watchtower" waren wie gewohnt ein Garant für einen
rockigen Konzertabschluss (den ich einmal mehr direkt vor der Bühne
verbringen konnte - immerhin so "nett" sind die
Hallenstadionbetreiber, dass sie die Fans für die Zugaben aus ihren
Sitz-Gefängnissen raus- und vor die Bühne rennen lassen).
Mr. Dylan war die Lyrics betreffend in Hochstimmung. So habe ich ihn
noch nie gesehen: Die doch eher komplexen Texte von "Visions of
Johanna" und "My Back Pages" rezitierte er einwandfrei! Vor allem "My
Back Pages" überzeugte im Vergleich mit der 2000er Version restlos:
Damals hatte Bob drei Strophen von sechs auswendig gekannt...
[ich hege allerdings auch den Verdacht, dass der Zettel auf dem Piano
vor Dylan ein Textblatt war...]
Der Wunsch nach Unberechenbarkeit wurde ebenfalls erfüllt: Dylan
sprach wieder zu uns (Hurra... ;-) und stellte seine Band mit Namen
und - surprise, surprise - mit Wohnort vor. Originell. Die Versionen
waren auch ziemlich spannend, so beispielsweise "New Morning", welches
ich noch nie live gehört hatte. Allerdings war die Autorin in sehr,
sehr schlechter Song-Erkenn-Verfassung... Oh mein Gott. Nicht genug,
dass ich Songs nicht erkannte (das ja geht den meisten Konzertgängern
so), ich deutete viele auch völlig falsch und identifizierte zwei Mal
einen Liedanfang als "Blowin' in the Wind"... (stellten sich dann als
"Every Grain of Sand" und "Standing in the Doorway" heraus) Wie
peinlich. Aber eben: ich war etwas überanstrengt vom Vorabend.
Nun noch zur versprochenen Kritik: zwei, drei Stücke klingen einfach
sehr ähnlich, das ermüdet. Die Band ist nicht immer optimal
aufeinander abgestimmt. Und es ist schon schade, dass Dylan der linken
Saalhälfte den Rücken zugedreht hat.
Reicht das?
Der Höhepunkt des Abends waren für mich die Zugaben, es ist immer
wieder schön zu sehen, wie "All Along the Watchtower" reinhaut, das
ist wirklich geil. Somit hat der Abend trotz all meiner Vorbehalte ein
versöhnliches Ende gefunden und auf Bobs Gruss "Thank you, friends"
würde ich ohne zu zögern mit "Thank you, Bob" antworten.
Und bis zum nächsten Mal.
comments
Ob Bestuhlung und schlechte Stimmung kausal immer zusammenhängen, wage ich hier zu bezweifeln. Es gäbe genügend Gegenbeispiele anzufügen. Dies nur so am Rande.
die vom zwischenbericht
@ 15.11.2005 13:14 CEST
willst du bob etwa etwas vorwerfen?! don't you dare!
;-)
ne, ernsthaft: nennst du mir das eine oder andere gegenbeispiel? mir kommt nur das stiller has konzert von 2003 in altdorf in den sinn, aber den winkel kann man ja kaum mit dem hallenstadion vergleichen... und in so einer halle stimmung zu entfachen ist bei stehplätzen wohl schon etwas einfacher.
meine vermutung: die schweizer/innen gehen an konzerten allgemein einfach zuwenig ab (und da nehme ich mich nicht aus)
willst du bob etwa etwas vorwerfen?! don't you dare!
;-)
ne, ernsthaft: nennst du mir das eine oder andere gegenbeispiel? mir kommt nur das stiller has konzert von 2003 in altdorf in den sinn, aber den winkel kann man ja kaum mit dem hallenstadion vergleichen... und in so einer halle stimmung zu entfachen ist bei stehplätzen wohl schon etwas einfacher.
meine vermutung: die schweizer/innen gehen an konzerten allgemein einfach zuwenig ab (und da nehme ich mich nicht aus)
Ein Gegenbeispiel wäre: WWE-Wrestlingevents in den USA. Immer bestuhlt.
Viele Konzerte in den USA sind bestuhlt - und die Stimmung leidet nicht immer darunter.
Ich kann dem Eintrag nur beistimmen. Mir hat sowohl die Security, wie auch das verordnete Sitzen auf notabene vielzu knapp bemessenen Stühlen das ganze Konzert Ereignis verdorben. Am meisten erstaunt hat mich als nach dem Sturm zur Bühne beim 2t letzten Stück die Band absolut positiv reagiert hat, mir hats geschienen als ob Bob sagen wollte, Na aber hallo seid ihr doch noch zum Konzert gekommen?
Böse Zungen werden mir das als reine Projektion übel nachreden, aber ich kann nun mal nicht im Sitzen Begeisterung zeigen und wenn ich bei jedem Arme heben zum Applaus befürchten muss meinem Nachbar ein blaues Auge zu schlagen machts auch keinen Spass. Auf den Tribünen sollten Sitze sein und keine Hühnerleiter. Kikeriki!!! Akkustisch habe ich übrigens nichts vom Umbau gemerkt, aber wirklich rein gar nichts. Kann es sein, dass es den Hallenstadionbetreibern wirklich nur um eine Optimierung der Sitzplätze ging? Ich gehe jedenfalls definitiv NIE mehr ins Hallenstadion. Und das sage ich auch fast ein Jahr nach dem unsäglichen Event dem Konzert. Und falls jemand den Chef von Good News sieht, sagt ihm er solle es besser machen. Saleti Kamerade
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